Schattenschwanz

Sciurus vulgaris · Eurasisches Eichhörnchen

Akrobat mit Elefanten­gedächtnis.

Es springt fünf Meter weit von Baum zu Baum, klettert kopfüber den Stamm hinab und findet im Winter Nüsse wieder, die es Monate zuvor vergraben hat. Hier stehen die erstaunlichsten Fakten über das Eichhörnchen – und am Rand ein paar, über die man schmunzeln muss.

Sprungweite
5 m
drehbare Fußgelenke
180°
Tage Winterschlaf
0
Ein rotes Eichhörnchen mit langen Ohrpinseln sitzt auf einem Parkweg und schaut in die Kamera
Mit Winter-Ohrpinseln im Düsseldorfer Hofgarten. Foto: Ray eye · CC BY-SA 2.0 DE
Sprungweite eines Eichhörnchens Ein Eichhörnchen springt fünf Meter weit von einem Ast zum Ast des Nachbarbaums. Das entspricht etwa zwanzig Körperlängen; ein Mensch müsste dafür 35 Meter weit springen. SPRUNGWEITE 5,0 m 0 1 2 3 4 5 m 5 m ≈ 20 Körperlängen Mensch mit gleicher Leistung: 35 m
Von Ast zu Ast: Im Sprung dient der Schwanz als Steuerruder. Weite und Maßband sind maßstabsgetreu.

Körper

Gebaut fürs Kronendach

Rund 300 Gramm, 20 bis 25 Zentimeter Körper und fast noch einmal so viel Schwanz: Das Eichhörnchen ist ein Leichtgewicht, bei dem jedes Detail aufs Klettern und Springen ausgelegt ist.

Hinterfüße · 180°

Kopfüber den Stamm hinab

Die meisten Kletterer steigen rückwärts vom Baum. Eichhörnchen nicht: Sie drehen ihre Hinterfüße im Fußgelenk so weit, dass die Krallen nach hinten zeigen. Die Krallen verhaken sich in der Rinde wie Steigeisen, und das Tier läuft kopfüber abwärts – jederzeit bereit, sofort umzukehren.

Ein Hörnchen klettert kopfüber einen hellen Baumstamm hinunter
Kopfüber abwärts: Die Hinterfüße sind nach hinten gedreht, die Krallen greifen in die Rinde. Foto (Ausschnitt): Ladymacbeth9/R. Drake · CC BY-SA 4.0

Schwanz

Fünf Werkzeuge in einem

Der buschige Schwanz ist Balancierstange auf dünnen Zweigen, Steuerruder beim Sprung, Decke beim Schlafen, Schattenspender bei Hitze und Signalflagge: Heftiges Zucken heißt „Achtung!“. Daher der wissenschaftliche Name Sciurus – griechisch für „Schattenschwanz“.

Sprungweite · 5 m

Weitspringer im Kronendach

Mit kräftigen Hinterbeinen springen Eichhörnchen bis zu fünf Meter weit von Baum zu Baum – rund das Zwanzigfache ihrer Körperlänge. Beim Aufkommen federn sie mit allen vier Pfoten ab, und die Krallen greifen sofort.

Zähne

Orange und nie fertig

Die vier großen Schneidezähne wachsen ein Leben lang nach und schleifen sich beim Nagen gegenseitig scharf. Ihre orange Farbe stammt von Eisen im Zahnschmelz, das sie besonders hart macht.

Augen

Rundumblick ohne Kopfdrehen

Die großen Augen sitzen seitlich am Kopf. So überblickt ein Eichhörnchen fast die ganze Umgebung, auch schräg über sich – wichtig, wenn ein Habicht angreift. Farben sieht es ähnlich wie ein rot-grün-sehschwacher Mensch: Blau und Gelb gut, Rot und Grün kaum getrennt.

Fellfarbe

Rot, braun oder fast schwarz

Die Farbe verrät nicht die Art: Auch dunkelbraune und beinahe schwarze Tiere sind ganz normale Eichhörnchen. Dunkle Tiere sind in Nadelwäldern und im Gebirge häufiger. Der Bauch bleibt bei allen hell.

Fellwechsel

Die Winterfrisur

Zweimal im Jahr wechseln Eichhörnchen ihr Fell. Das Winterfell ist dichter, dazu wachsen lange Haarbüschel an den Ohren. Im Sommer sind diese Ohrpinsel fast verschwunden. Nur der Schwanz haart sich bloß einmal im Jahr.

Ein fuchsrotes Eichhörnchen sitzt auf einem Baumstumpf und frisst
Fuchsrot … Foto: Peter Trimming · CC BY 2.0
Ein fast schwarzes Eichhörnchen mit hellem Bauch sitzt im Gras und frisst
… oder fast schwarz (Wien): beides Eurasische Eichhörnchen. Foto: Charles J. Sharp · CC BY-SA 4.0

Vorrat

Das Gedächtnis des Waldes

Eichhörnchen halten keinen Winterschlaf. Um durch die kalte Jahreszeit zu kommen, legen sie im Herbst Vorräte an – mit einer Methode, die erstaunlich viel Kopfarbeit verlangt.

Haltbar machen

Pilze auf der Wäscheleine

Eichhörnchen fressen auch Pilze – und machen sie haltbar. Sie klemmen sie in Astgabeln oder spießen sie auf Zweige, wo sie an der Luft trocknen. Im Winter holen sie sich die Trockenpilze zurück.

Ein Eichhörnchen sitzt im Gras und hält einen Pilz in den Vorderpfoten
Pilzmahlzeit im Gras – was nicht sofort gefressen wird, landet zum Trocknen im Baum. Foto: hedera.baltica · CC BY-SA 2.0

Spurenkunde

Wer hat die Nuss geknackt?

An einer geöffneten Haselnuss lässt sich ablesen, wer sie gefressen hat – so zuverlässig, dass Naturschützer mit gesammelten Nüssen herausfinden, wo die seltene Haselmaus lebt. Tippe auf eine Nuss.

EichhörnchenIn zwei Hälften gespalten

Erfahrene Eichhörnchen nagen eine Kerbe in die Spitze, setzen die Schneidezähne wie einen Hebel an und sprengen die Nuss sauber in zwei Hälften. Junge Tiere nagen noch planlos große, unregelmäßige Löcher – das Knacken will gelernt sein.

Streuhorten · Tausende Verstecke

Eine Nuss pro Loch

Statt einer großen Vorratskammer legen Eichhörnchen im Herbst Tausende kleine Verstecke an, meist eine Nuss pro Loch – im Boden, unter Moos, in Rindenritzen. Plündert ein Dieb ein Versteck, ist nicht gleich der ganze Wintervorrat weg.

Gedächtnis

Wiederfinden mit Kopf und Nase

Monate später finden sie viele Verstecke gezielt wieder. Dabei hilft ein erstaunliches räumliches Gedächtnis, das sich an Bäumen, Steinen und anderen Landmarken orientiert – und eine feine Nase, die Nüsse sogar unter einer Schneedecke aufspürt.

Täuschung

Scheinverstecke für Diebe

Grauhörnchen, die sich beobachtet fühlen, tun oft nur so, als würden sie etwas vergraben: Sie buddeln ein Loch, schieben Erde darüber – und behalten die Nuss heimlich im Maul. Wer ihnen nachspioniert, gräbt ins Leere.

Ordnung

Sortiert nach Sorte

Bekommen Fuchshörnchen – nordamerikanische Verwandte – verschiedene Nusssorten, vergraben sie jede Sorte in einem eigenen Bereich. Das zeigte 2017 eine Studie auf dem Campus der Universität Berkeley. Forscher vermuten, dass diese Ablage das Wiederfinden erleichtert – ähnlich wie Menschen sich Dinge in Gruppen besser merken.

Aufforstung

Gärtner wider Willen

Nicht jedes Versteck wird geleert. Aus vergessenen Nüssen, Eicheln und Bucheckern wachsen neue Bäume. Eichhörnchen helfen so mit, den Wald zu verbreiten – ganz ohne Absicht.

Speiseplan

Nicht nur Nüsse

Samen aus Fichten- und Kiefernzapfen, Bucheckern, Knospen, Beeren und Pilze stehen ganz oben auf dem Speiseplan. Gelegentlich fressen Eichhörnchen aber auch Insekten, Vogeleier und sogar Nestlinge.

Jahr

Ein Eichhörnchenjahr

Vom Paarungskarussell im Spätwinter bis zur Hamsterzeit im Herbst: So sieht ein Jahr im Leben eines Eichhörnchens aus.

Kobel

Ein Zuhause, gleich mehrfach

Eichhörnchen bauen kugelförmige Nester aus Zweigen, etwas größer als ein Fußball und innen mit Moos, Gras und Blättern gepolstert. Die meisten Tiere besitzen gleich mehrere dieser Kobel – als Ausweichquartier, wenn es in einem zu viele Flöhe gibt oder ein Marder vorbeischaut. Der Eingang liegt meist auf der wetterabgewandten Seite.

Ein Eichhörnchen sitzt in einer Fichte neben seinem kugelförmigen Zweignest
Ein Eichhörnchen neben seinem Kobel in Stuttgart. Foto: Zinnmann · CC BY-SA 4.0
  1. Januar – März

    Paarungszeit

    Männchen verfolgen die Weibchen in wilden Spiralen um die Stämme. Nach der Paarung geht jeder wieder eigene Wege – um die Jungen kümmert sich allein das Weibchen.

  2. März – April · 38 Tage

    Nachwuchs im Kobel

    Nach rund 38 Tagen Tragzeit kommen meist drei bis fünf Junge zur Welt – nackt, blind und nur etwa zehn Gramm schwer.

    Mehrere nackte, rosafarbene neugeborene Eichhörnchen liegen im Nest
    Einen Tag alt: Von buschigem Schwanz noch keine Spur. Foto: Angela Stascheit · CC BY 3.0
  3. April – Juni

    Erste Ausflüge

    Nach etwa vier Wochen öffnen sich die Augen, nach rund sieben Wochen wagen sich die Jungen zum ersten Mal aus dem Kobel. Mit acht bis zehn Wochen sind sie selbstständig.

    Ein junges Eichhörnchen klammert sich an einen Baumstamm
    Erste Klettertour am Stamm. Foto: Zeitgenosse1337 · CC BY 4.0
  4. Juni – August

    Zweiter Wurf

    In guten Jahren, wenn die Bäume viele Samen tragen, zieht das Weibchen im Sommer noch einen zweiten Wurf groß.

  5. September – November

    Hamsterzeit

    Jetzt wird gesammelt und versteckt: Nüsse, Eicheln, Bucheckern und Zapfensamen landen einzeln in Tausenden Verstecken. Pilze kommen zum Trocknen in die Astgabeln.

  6. Dezember – Februar

    Winter ohne Schlaf

    Eichhörnchen halten keinen Winterschlaf. Sie leben von ihren Verstecken, tragen dichtes Winterfell mit langen Ohrpinseln und bleiben bei Sturm und strengem Frost auch mal tagelang im Kobel.

Wohngemeinschaft

Kuscheln nur bei Frost

Eigentlich sind Eichhörnchen Einzelgänger. In sehr kalten Winternächten teilen sich aber manchmal mehrere Tiere einen Kobel und wärmen sich gegenseitig.

Streifgebiet

Kein Zaun, keine Grenze

Feste Reviere verteidigen Eichhörnchen nicht. Ihre Streifgebiete sind oft mehrere Hektar groß und überlappen sich mit denen der Nachbarn. An guten Futterstellen gilt eine Rangordnung: Ältere, schwerere Tiere haben Vortritt.

Alarm

Tschuk, tschuk!

Entdeckt ein Eichhörnchen einen Feind – Baummarder, Habicht oder Katze –, stößt es heisere „tschuk“-Rufe aus, zuckt heftig mit dem Schwanz und stampft mit den Hinterpfoten. Artgenossen in der Nähe sind damit gewarnt.

Lebenserwartung

Das erste Jahr ist das schwerste

Die meisten Jungtiere überleben ihren ersten Winter nicht. Wer ihn schafft, wird in freier Natur meist drei bis sechs Jahre alt – in menschlicher Obhut auch über zehn.

Bedrohung

Rot gegen Grau

Die größte Gefahr für Eichhörnchen in Teilen Europas ist ein Verwandter: das Grauhörnchen aus Nordamerika. Es ist größer, robuster – und bringt eine Krankheit mit, die für Eichhörnchen tödlich ist.

  • 1876

    wurden in England die ersten Grauhörnchen ausgesetzt – als hübsche Dekoration für Landsitze und Parks.

  • ≈ 10 : 1

    So stark sind Grauhörnchen in Großbritannien heute in der Überzahl: Schätzungen zufolge rund 2,7 Millionen gegen 287.000 Eichhörnchen.

  • 2016

    setzte die EU das Grauhörnchen auf die Liste invasiver Arten. Halten, Züchten und Freilassen sind seitdem verboten.

So unterscheidet man die beiden
Rotes Eichhörnchen Eichhörnchen Foto: Peter Trimming · CC BY 2.0
Grauhörnchen auf einem Ast Grauhörnchen Foto: Diliff · CC BY-SA 3.0
HeimatEuropa und Asienöstliches Nordamerika
Gewichtetwa 250–350 getwa 400–700 g
Fellfuchsrot bis fast schwarz, Bauch hellsilbergrau, oft mit bräunlichem Anflug
Ohrpinselim Winter langnie
Schwanzeinfarbigmit hellem Saum
Eichelnschwer verdaulichkein Problem
Hörnchenpockenmeist tödlichträgt das Virus, erkrankt kaum

HoffnungAusgerechnet ein Raubtier hilft: Wo in Schottland und Irland der Baummarder zurückkehrt, gehen die Grauhörnchen zurück. Sie sind schwerer, halten sich öfter am Boden auf und werden leichter erbeutet – die flinken Eichhörnchen erholen sich.

Und bei uns?In Deutschland gelten Eichhörnchen als nicht gefährdet, sind aber gesetzlich besonders geschützt. Freilebende Grauhörnchen gibt es hier bisher nicht; in Norditalien breiten sie sich jedoch aus. Helfen kann jeder: im Sommer eine flache Wasserschale aufstellen, Nuss- und Samenbäume im Garten stehen lassen und am Waldrand langsam fahren. Manche Städte spannen sogar Seilbrücken über Straßen, damit Eichhörnchen sicher hinüberkommen.

Kurioses

Zum Schluss: das Lustige

Nicht alles an Hörnchen ist Hochleistungsbiologie. Manches ist einfach herrlich absurd.

  • Börse in der Zwangspause

    1987 nagte ein Hörnchen in Connecticut an einer Stromleitung – und legte damit die US-Technologiebörse NASDAQ für über eine Stunde lahm. 1994 passierte es gleich noch einmal.

  • Klatsch am Weltenbaum

    In der nordischen Mythologie flitzt das Eichhörnchen Ratatoskr den Weltenbaum Yggdrasil auf und ab und trägt Beleidigungen zwischen dem Adler in der Krone und dem Drachen an der Wurzel hin und her.

  • Der Eichhörnchenkönig

    Manchmal verheddern sich die Schwänze junger Geschwister im Nest mit Harz und Nistmaterial. Dann hängen sie als zappelndes Knäuel aneinander und müssen von Tierärzten behutsam getrennt werden.

  • Parkour im Labor

    Forscher in Berkeley ließen Fuchshörnchen über wackelige Äste springen. Wenn sie abrutschten, erfanden sie spontan neue Moves – etwa sich seitlich an einer Wand abzustoßen.

  • Heißer Schwanz gegen Schlangen

    Kalifornische Ziesel, Verwandte der Eichhörnchen, pumpen Blut in ihren Schwanz, wenn eine Klapperschlange naht. Die Schlange „sieht“ Wärme – und der glühende Schwanz wirkt auf sie bedrohlich.

  • Weder Eiche noch Horn

    Mit Eichen und Hörnern hat das Wort „Eichhörnchen“ vermutlich nichts zu tun. Sprachforscher halten beide Teile für spätere Umdeutungen eines uralten Wortes, dessen Bedeutung verloren gegangen ist.

  • Schwimmen? Wenn’s sein muss.

    Eichhörnchen können schwimmen – sie tun es nur höchst ungern. Den buschigen Schwanz versuchen sie dabei möglichst über Wasser zu halten.

  • Ein eigener Feiertag

    Am 21. Januar ist in den USA „Squirrel Appreciation Day“, der Tag der Wertschätzung für Hörnchen. Erfunden hat ihn 2001 eine Wildtierpflegerin aus North Carolina.

  • Segeln statt springen

    In Finnland und im Baltikum lebt ein Verwandter mit eingebautem Umhang: Das Gleithörnchen spannt eine Flughaut zwischen Vorder- und Hinterbeinen und segelt Dutzende Meter weit von Baum zu Baum.